Kurzgeschichte: Mutter sein ist schon schwer

Mutter sein ist schwer, Vater sein dagegen sehr. Was kann man als Vater nicht alles falsch machen? Jede kleinste Bewegung, jede gefühlte Regung, jede Aktion, jedes noch so kleine Detail. Was möchte man nicht alles mit seinem Kind tun, auf das man als Erzeuger so stolz ist? Mein Sohn, mein Erbe. Gut, auch wenn es nichts materielles zu vererben gibt, so gibt es immerhin die Fortführung der Traditionen eines Vaters. Der eigene Sohn kann schließlich dort weiter machen, wo man als Vater nicht mehr kann. Es ist doch immer schön, wenn man sein Kind auf die vielen kleinen und großen Abenteuer mitnehmen kann. Abenteuer, die die Mutter, die eigene Frau niemals gutheißen würde, obwohl sie diese beim Partner toleriert. Schon seltsam, diese Frauen. Man kann es ihnen nie recht machen. Als Partner nicht und als Kind schon gar nicht.

Ede seufzte und starte auf das Bierglas, das noch dreiviertel gefüllt vor ihm stand. Seit einer Stunde. Der Schaum ist längst zusammengefallen und das Bier dürfte schon schal sein. Das leere Schnapsglas daneben allerdings zeugt noch von zeitweisen Regungen von Ede. Obwohl seine Gefühlswelt in diesem Moment völlig durcheinander ist und er an nichts richtiges denken kann. Nur der vergangene Tag, der läuft immer wieder wie ein Film in Endlosschleife vor seinem inneren Auge ab. Der Tag, der so schön begonnen hatte. Und wieder beginnt der Film von vorn …

* * * * *

Klarer Himmel, Sonnenschein pur, sie hatten es sich gemütlich gemacht bei einem üppigen Wochend-Frühstück open air. Marie hatte beim Frühstück auf der Terrasse einen Anruf bekommen und musste zu ihrer Mutter in die Klinik fahren, gute 450 Kilometer von Paderborn nach Dresden. Die Mutter, so die Ärzte, lag in den letzten Zügen, sie konnten nichts mehr für sie tun. Zu weit hatte sich der Krebs durch den Körper gefressen. Er erinnerte sich deutlich an ihre versteinerte Miene beim Telefonat. Henrik sollte vorerst von alledem nichts mitbekommen, obwohl er mit seinen 11 Jahren durchaus in der Lage wäre, alles rein vom Gefühlswesen her, moralisch und seelisch zu verkraften. Doch wie immer waren sie in Fragen rund um ihren Spross anderer Meinung. So wurde dann von Marie kurzerhand beschlossen, das sie allein zu ihrer Mutter fährt, um sie in ihren letzten Momenten zu begleiten,. während Ede sich um ihren Sohn kümmert, ihn ablenkt. Und dieser Beschluss wurde dann auch in die Tat umgesetzt.

Marie setzte sich in den Sportwagen, der eigentlich Ede’s Spielzeug war. Doch Ede hatte diesmal keine Lust auf Streit, er ließ ihr ihren Willen. Schließlich war sie eh schon nervlich angespannt durch diesen verfluchten Anruf, der den geplanten schönen Tag im Moor verdorben hätte. Dabei hatten sich beide auf diesen Spaziergang so gefreut und ebenfalls darüber, dass Henrik freiwillig mitkommen wollte. Das passierte nicht alle Tage, immerhin ging die Pubertät los und der Junge hatte nur noch Flausen im Kopf. Umso besser, dass die Familie dieses Wochenende gemeinsam verbringen wollte. Henrik sah begeistert zu, wie seine Mutter den Sportwagen enterte und mit viel Elan, aber dennoch schwungvoll vom Anwesen fuhr. „Seit wann darf Mutti in deinem Auto fahren? Du hast mir mal gesagt, der Porsche wäre nur für uns Männer!“ Vorwurfsvoll blickte Henrik seinen Vater an. Doch der winkte ab. „Lassen wir ihr das Vergnügen einmal. Dafür machen wir uns den schönen Tag, wie besprochen.“

Wenige Stunden später liefen sie beide durch das Moor. Quer über die ausgewiesenen Wege, die gelegentlich von Stegen unterbrochen wurden, damit die Wanderer nicht vom Weg abkamen und trockenen Fußes das Moor überqueren konnten. Trotz der inzwischen immensen Hitze waren immer noch viele feuchte Stellen zu sehen und Vater und Sohn gingen albernd über die Stege. Ein Scherz jagte den nächsten und beide lachten laut. Ein unbeschwerter Tag, wie ihn sich so viele wünschen würden. Die Witze würde Marie nicht verstehen und tadelnd unterbrechen, aber ohne sie konnten sie sich über die Birne Maja und fliegende Elefanten köstliche amüsieren. Die Stimmung war gut und Henrik lief in vollem Übermut über die Wege, ging gelegentlich auch abseits des Geländers. Ede wollte die Stimmung nicht verderben und ließ ihn gewähren, was sollte schon so nah am Weg passieren?

Doch der Übermut sollte sich irgendwann rächen. Mitten auf einer großen Fläche mit Wasserstellen, die nur auf den Stegen passierbar war, tollte Henrik neben den Stegen. In einem Moment der Ablenkung, als Ede’s Handy klingelte, er dennoch den Anruf ablehnte – er wollte ja nicht an dem familiären Wochenende gestört werden, nicht einmal in seiner Funktion als Geschäftsführer – und das Handy wieder wegsteckte, war er plötzlich allein. Henrik war verschwunden, nur da, wo er eben noch war, stiegen Luftblasen aus dem Wasser…

* * * * *

Ede seufzte. Der Notruf, die Suche der Polizei, die Betreeung durch die Sanitäter – all dies nahm er nur noch am Rande wahr. Zu groß die Schmach, durch Unachtsamkeit und Sorglosigkeit den einzigen Sohn und Erben verloren zu haben. Im Moor! Sein Sohn, einfach weg. Er erinnerte sich noch an die Warnung auf dem Schild „Was das Moor sich holt, gibt es nie wieder her“. Er hatte es als Humbug, als alten Aberglauben abgetan, als er mit Henrik davor stand. Nun hatte ihn die Wirklichkeit eingeholt und das Moor ein neues Opfer. Das erste seit vielen Jahren, doch warum ausgerechnet seinen Sohn?

Ede stand auf und zahlte seine Rechnung. Mit wackligen Beinen und völlig in sich gekehrt ließ er sich ein Taxi rufen. Er wollte nicht noch wegen Trunkenheit am Steuer .. Obwohl das im Grunde auch egal war. Sein Sohn war weg und er musste es nun seiner Frau erklären. Marie, die ihren gemeinsamen Sohn mehr liebte als alles andere. Sie würde ihn verstoßen. Sie würde es nicht verstehen und ihn beschimpfen. Doch auch das war ihm egal. Denn auch er liebte seinen Sohn und würde nun in einer Welt der Schuldgefühle leben. Schuldgefühle über seine Unachtsamkeit. Über seine Sorglosigkeit. In einer Welt der Trauer um seinen Sohn und wahrscheinlich seine Frau, die er deswegen verlieren konnte. Er stieg ins Taxi und nannte dem Fahrer seine Adresse. Den Verkehrsfunk bekam er gar nicht mit, so sehr war er in Gedanken vertieft …

* * * * *

„Und nun die aktuellen Verkehrsmeldungen. Auf der A38 Nähe dem Dreieck Halle Süd kam es zu einem tragischen Unfall, als eine Porschefahrerin mit überhöhter Geschwindigkeit gegen die Leitplanke fuhr, von der Fahrbahn abkam und sich mehrfach überschlug. Der Wagen hat Totalschaden und die Fahrerin war auf der Stelle tot…“

 
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2 Responses to Kurzgeschichte: Mutter sein ist schon schwer

  1. Max says:

    Ein süßer Jung‘ versinkt im Moor,
    verzweifelt und mit Müh und Not
    greift nach nem Zweig oder nem alten Rohr?
    Denn ungern wär er tot –
    der Vater fleht, der Vater weint und greint.
    Das Kind versinkt, das Moor das schweigt.
    🙁