Die Hölle platzt aus allen Nähten

Die Erde ist voll. Voll mit Menschen. Zur Zeit 7 Milliarden. Da ist natürlich einiges an Abfall dabei. Denn die Religion schreibt ja vor, wenn ein Mensch stirbt, darf die Seele in den Himmel oder in die Hölle, je nachdem. Und da täglich, statistisch gesehen, natürlich jede Menge Leute abkratzen, so an die 155.539 an der Zahl – das macht rund 6.481 die Stunde – ist natürlich Hochbetrieb an den Pforten der jeweiligen Orte.

„Achtung, Achtung, eine Durchsage: Bitte auf alle hinteren Plätze aufrücken. Alle Engel mit einer Harfe geben diese bitte beim Empfang ab, dafür haben wir keinen Platz mehr! Und bitte die Rettungsgasse freihalten!“ Petrus legte genervt das Mikrofon zur Seite. Seit Jahren schon hatte sich die Zahl der Neuankömmlinge nahezu vertausendfacht. Und darunter zigtausende Asylbewerber, die aus der Hölle flüchten. So konnte und so kann es nicht weitergehen. Petrus wollte gerade einen deftigen Fluch ablassen, doch rechtzeitig fiel ihm noch ein, dass das hier ja verboten war. Strengstens verboten. Immer diese unsinnigen Dogmen. Doch die Situation entglitt langsam aber sicher seiner Kontrolle. Er wurde der Massen an Seelen nicht mehr Herr.

Herr, das war das richtige Wort, dachte er sich, der Herr wird eine Lösung für das Problem haben. Schließlich war der Himmel jetzt schon völlig überfüllt und auf seine geliebte Wolke 7 konnte er auch nicht mehr, da tummelten sich die ganzen Asylbewerber. Gedacht, getan. Petrus ging die Rettungsgasse entlang, schier unendlich zog sich dieser Marsch hin. Doch auch wenn das Himmelreich geradezu unendlich war, so hatte auch die Unendlichkeit ihre Grenzen. Schließlich stand Petrus vor dem Thron seines Herrn, den man schlicht und einfach nur ‚Gott‘ nannte. Täuschte er sich oder hatte Gott etwas von seiner strahlenden Erscheinung eingebüßt? Egal, das aktuelle Problem war wichtiger und so sprach er Gott an: „Herr, der Himmel ist überfüllt, wir können bald keine Seelen mehr aufnehmen. Und darunter auch noch so viele Asylbewerber, die vor der Hölle flüchten und auf ihre zweite Chance warten. Wir sind schon in der Massenabfertigung, aber einfach nicht mehr Herr der Lage.“

Gott legte die Stirn in noch mehr Falten und unterschied sich kaum noch von zerknülltem Papier. „Ich bin der Herr, dein Gott…“. „Ja, Herr, das weiß ich doch,“ entgegnete Petrus, „aber wir haben jetzt keine Zeit für endlose Monologe und Dialoge. Wir müssen was tun, sonst fallen die Engel bald über die Wolken, wenn sich noch mehr auf Ihnen drängeln.“ Gott überlegte. Gott sei dank konnte man ihm nicht ansehen, wie schwer ihm das fiel. Er war mehr ein Gott der Spontanität, der machte was er wollte, so ganz ohne Plan. Da ließ er aber niemand wissen, nur um den Schein zu wahren. „Asylbewerber in Massen sagst du? Ich werde wohl ein Wörtchen mit Luzifer sprechen müssen, der sollte mal seine Auswanderungspolitik überdenken.“ So donnerte seine Stimme durch den Thronsaal, der noch frei von den Horden an Seelen war. Nicht mehr lange, dachte sich Petrus. So eine Verschwendung an Platz können wir uns bald nicht mehr leisten…

Gott griff zu dem roten Telefon. „Wie war nochmal die Nummer von Luzifer? Ich glaube, ich werde langsam alt. Das Gedächtnis lässt nach. Achja, was wollte ich nochmal mit dem besprechen?“ Petrus rollte mit den Augen. Toller Gott. „Die Nummer ist seit Urzeiten die selbe, Herr. 666 oder 616. Geht beides. Und es geht um die Auswanderungspolitik der Hölle.“ Gott wurde ungehalten. „Ein wenig mehr Respekt vor dem Alter, ja? Vergiss nicht, du hast zwar einen Sonderstatus, aber der kann schneller weg sein als ein Mensch blinzeln kann.“ Sprach es, blinzelte zur Bestätigung einmal (was Petrus natürlich wieder falsch auffasste als Zeichen eines Spaßes von Gott) und wählte die Nummer.

Wie immer ließ es Luzifer sechs Mal läuten. Schließlich hatte er einen Ruf zu verlieren. Er kicherte. Auch ein schlechter Ruf will gepflegt sein. Dann setzte er wieder sein ernstes Gesicht auf und nahm rülpsend den Hörer ab. „Tach auch. Hier spricht der automatische Anrufbeantworter der Hölle. Luzifer und Co. sind zur Zeit nicht erreichbar zwecks Anzettelung von ein paar lustigen Kriegen. Bitte sprechen Sie nach dem Rülpser eine Nachricht auf das Band. Rülpssss… “ Lange ist es her, dass Gott angerufen hat und schließlich braucht auch ein Teufel seinen Spaß. „Was, ich soll die Späße lassen?“ Luzifer ließ sein lautes, diabolisches Lachen hören. War ja klar, dass der Alte gleich wieder wegen einem Späßchen meckern musste.

Und so entspann sich die telefonische Unterredung zwischen Gott und Luzifer weiter, während die irdische magentafarbene Telefongesellschaft sich diebisch freute, schließlich ging der Anruf auch über deren Leitungen…

Gott: Wieso schickst du uns Asylbewerber, die eine zweite Chance verdienen? Bei uns im Himmelreich ist es langsam zu voll dafür. Wir können nicht mehr abfertigen, wir sind an den Grenzen unserer Kapazitäten angelangt.
Luzifer: Was meinst du Oberschlaumeier, wie es hier unten aussieht? Die Seelen stapeln sich schon, du kannst von mir aus alle haben, wir sind hoffnungslos überfüllt.
Gott: Wie kann das sein? Ist die Hölle nicht mehr groß genug?
Luzifer: Nun pass mal auf, du da oben…
Gott: Ein bisschen mehr Respekt bitte, denn ich bin der Herr, de…
Luzifer: Wenn du die Kosten für das Gespräch komplett übernimmst, dann kannst du gerne weiter dein Geschwafel ablassen. Ich ruhe mich derweil aus und wenn du mit deiner heiligen Rede fertig bist, sag einfach Bescheid.
Gott: Jajaja, schon gut. Also, was ist da unten los?
Luzifer: Also, als du mich damals hier wegen übler Nachrede und Verleumdung durch Gabriel und Michael, diese Pseudo-Engel…
Gott: Jetzt fange nicht wieder mit der alten Geschichte an.
Luzifer: Na wohl. Aber gut. Fangen wir von vorne an. Du hast die Menschen gebastelt.
Gott: Mein Meisterwerk.
Luzifer: Von wegen. Wenn es ein Meisterwerk wäre, würde ich jeder Seele hinterherrennen, aber nein, die Hölle ist vollgestopft bis unters Dach. Irgendwas hast du da mächtig versaut.
Gott: Nicht möglich. Du hast bestimmt wieder nachgeholfen, so wie damals, beim Faust.
Luzifer: Ach Faust, den hast du schlussendlich doch bekommen. Kannste auch behalten. Ich kann hier nicht mal mehr aufs Klo rennen und sitze nun in einem riesigen Scheißhaufen…
Gott: Wieso das?
Luzifer: Einige Seelen waren selbst für mich unverdaulich. Ich kann gar nicht soviel fressen wie ich kotzen möchte. Sei’s drum. Die Hölle ist zu voll und ich kann auch keine mehr verschlingen. Und der Höllenhund kann auch nicht mehr, der kotzt sich nur so die Seelen aus dem Leib. Also schicke ich alle mit der Hoffnung auf eine zweite Chance zu dir. Selbst die Ungläubigen und die der Nachahmer-Religion mit ihren Jungfrauen und so.
Gott: Ich kann aber auch keine mehr aufnehmen. Hast du nicht eine Lösung? Eine Idee?
Luzifer: Siehste mal. Hättste damals auf mich gehört, hab dir gesagt, lass es sein. Aber nein. Gut, am Anfang war es ja auch spaßig, sie dir abzujagen, aber nun? Die Menschen sind ja noch schlechter als es mir bekommt. Da hilft nur noch eines.
Gott: Und was?
Luzifer: Bumm.
Gott: Häähhh?
Luzifer: Beim Allmächtigen der du sein willst. A-R-M-A-G-E-D-D-O-N. Jüngstes Gericht und so. Dann können wir die hier unten ein für alle mal ins Nirwana schicken.
Gott: Gute Idee. Und du bekommst die ganzen Asylbewerber zurück.
Luzifer: Denkste.
Gott: Wieso nicht?
Luzifer: Schon vergessen? Als du das Licht erfunden hast, hast du die Stromleitung so dermaßen überstrapaziert, dass die Armageddonmaschine in die Luft geflogen ist, die dürfte immer noch um Pluto kreisen.
Gott: Verdammt.
Luzifer: Hahaa, du hast geflucht.
Gott: Hab ich nicht. Denn ich bin der Herr, dein Gott …
Luzifer: Kannst du mal die Kacke lassen? Wir haben da ein mächtig böses Problem.
Gott: Und für Böses bist du verantwortlich.
Luzifer: Nur, weil Gabriel und Michael damals … Naja, wir wollten ja das Geschwafel lassen. Und nein, ich habe weiter keine Idee. Vielleicht klopfst du mal bei den Buddhisten an und fragst sie mal, wie sie das mit der Reinkarnation machen. Oder erlaubst es ihnen wieder. Fakt ist nur, durch deine dummen Ideen ist es hier voll und bei dir voll. Ich könnte natürlich die schlimmsten und gemeinsten Seelen wieder auf die Erde schicken und lasse sie da etwas rumspuken, aber das hilft nur ein paar Tage weiter.
Gott: Das hilft doch auch nichts. Die Menschen fürchten sich davor doch gar nicht mehr.
Luzifer: Stimmt auch wieder. Und was beweist das? Du hast auf ganzer Linie versagt…

So diskutieren sie noch weiter, und wenn sie nicht gestorben sind, dann diskutieren sie bis zum Tag des jüngsten Gerichts. Ach verdammt, da war ja noch was. Kann mal jemand die Armageddonmaschine einsammeln, die um Pluto kreist? Gott ist ja zu faul dafür und Luzifer kommt nicht mehr aus der Hölle raus. Schlussendlich hatte Gott doch noch ein Einsehen und hat den Buddhisten die Reinkarnation erlaubt, was zumindest die Seelenströme versiegen ließ. Aber weiterhin waren Himmel und Hölle überfüllt und für die ganzen Seelen kein Ende der Marter in Sicht. Zumindest hat das Gedudel der Harfen nachgelassen. Immerhin ein Lichtschein am Horizont der Ewigkeit…

 
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3 Responses to Die Hölle platzt aus allen Nähten

  1. Max says:

    Übrigens was mir gerade in den Sinn kommt: Ich las doch kürzlich den „Armageddon-Zyklus“ von Peter Hamilton. Kurzum, es stellte sich dort Folgendes heraus:
    Alle Seelen landen (nach dem Tod des Wirts) unterschiedslos im Jenseits (es gibt somit weder Himmel noch Hölle), und diese Seelen warten quasi in ewiger Verdammnis darauf, wieder in einen frischen Körper zu fahren (und das darin hausende Originalbewusstsein zu unterdrücken), was dann auch durch einen zufälligen fatalen Dimensionsriss (oder so was in der Art) millionenfach passiert – na ja, das fiel mir da grad so ein.. 😉

     
    • Dark Lord says:

      Klingt nach der Theorie von Heitz 😉 Zumindest ansatzweise ähnlich …

       
      • Max says:

        Ja, wobei mir ehrlich der Stil von Markus Heitz (von dem, was ich kenne) jetzt fast noch besser gefällt als der von Hamilton. Hatte ich vergessen: In Hamiltons Armageddon-Zyklus kommt dann übrigens in Band 6 wohl doch noch so eine Art Gott ins Spiel, ein Deus ex Machina sozusagen, 😉 aber ich hörte nach Band 3 auf zu lesen, weil’s doch etwas eintönig wird… Man merkt, dass er auf Teufel komm raus (hehe) die Story bis zum Erbrechen auswälzen wird…