Hänsel und Gretel – was wirklich geschah

Jeder kennt das Märchen von der bösen Hexe, die zwei unschuldige, arme Kinder vernaschen wollte. Doch es ist, was es ist, ein Märchen. Denn der Geschichtenerzähler, der dieses Märchen weitergab, hat in damaliger Zeit zu tief ins Horn geschaut und so wurde durch berauschende Getränke nicht nur die Sinne getrübt, sondern auch der Verstand und damit die Geschichte verfälscht. Die Gebrüder Grimm, die diese dann in ihr Märchenbuch aufnahmen, trifft keine Schuld in dem Sinne. Und dennoch hätten sie aufpassen müssen, was und vor allem von wem sie ihre Märchensammlung bekamen. Es war ja Gang und gäbe, dass sich Geschichtenerzähler in Naturalien bezahlen ließen. Gelegentlich schöne Mädchen – wenn diese zuviel getrunken hatten, doch meistens ungeistige Genüsse der stimulierenden Art. Also nicht Heroin oder Kokain, so fortschrittlich waren die noch nicht in jenen Zeiten, aber dafür gab es Alkohol in vielen Variationen. Und da es keine Prohibition gab, war Alkohol ein gängiges Zahlungsmittel. So wurden die fahrenden Musiker und Erzähler meist mit Kost bezahlt, und damit die Geschichten spannender wurden, mit reichlich Gewürzwein. Ein Trunkenbold ist sicherlich der eigenen Wahrheit verpflichtet, im Rausch des Weines doch der tatsächlichen um so weiter entfernt. Jedoch lest selbst, was wirklich geschah:

Es war einmal ein dichter, dichter Wald. So etwas, was wir heute in Zeiten der geregelten Forstwirtschaft und der Übervölkerung nicht mehr kennen. Doch es gab Zeiten, da gab es das noch. Und in diesem Wald lebte eine arme, alte Frau, die keine Familie mehr hatte. Durch Kriege und Hungersnöte wurde ihr Gatte genommen, danach auch der eine oder andere Sohn. So lebte sie schließlich einsam in einer kleinen verfallen Hütte tief im Wald und versorgte sich allein – schließlich gab es noch keine Rente oder den Supermarkt um die Ecke. In Zeiten größter Not begab es sich, dass sie essen musste, was ihr frecherweise vor den Füßen herumlief, die eine und auch die andere Ratte, gelegentlich auch Insekten, wenn selbst die Ratten vor Hunger das Weite gesucht hatten. In einer solchen Zeit besuchte sie ein Reisender, dem sie natürlich ihre freizügige, wenn auch spartanische Gastfreundschaft angedeihen ließ. Das Bett aus Stroh vor dem warmen Ofen war vielleicht noch erklärbar, doch die Käfersuppe sicherlich nicht. Und Wasser dazu, das treibt den stärksten Trunkenbold vor die Türe. So nahm der Reisende flugs seine sieben Sachen und dazu seine Beine in die Hand und suchte das Weite, das in näherer Umgebung als ein Dorf, sieben Meilen entfernt, sich entpuppte. Dort im Gasthaus pallierend, gab er schwadronierend seine besten Geschichten zum Besten, erntete dafür, was ihm zustand, nämlich Anerkennung in Form von reichlich Wein. Natürlich nur, damit er schnell besoffen einschlief und seine Klappe hielt.

In jenem Dorf hausierte auch eine Großfamilie, die es in damaliger Zeit noch zu haufe gab. Und da das Kindergeld auch noch nicht erfunden war, mussten die Gören ebenfalls mit dem Auskommen, was das Einkommen der Eltern, Tanten, Großeltern so hergab. Doch meist gab es nichts, da die zwei ältesten Gören zudem noch frech, gewalttätig und gemein waren – wie Kinder eben so waren und immer noch sind. Eigentlich waren sie damit ideal für die Armee, doch die hatte was gegen Kinderarbeit. Auch wenn sie ihren Mut unter Beweis stellten, in dem sie einen Hund streichelten und behaupteten, es wäre ein Kampfhund gewesen, so glaubte ihnen das Niemand und Keiner ebenfalls nicht. Die anderen Dorfbewohner interessierte das alles nicht, solange sie von den ungezogenen Gören nicht belästigt wurden. Als diese dann wieder einmal Heuschrecken gesammelt hatten und dem Dorfältesten einen ganzen Schwarm ins Bett gepackt, so dass dieser einen Schreck fürs Leben und danach bekommen hatte, beschloss man einmütig, sich der Kinder zu entledigen. Die Eltern waren natürlich froh, die Blagen und damit die Plagen los zu sein und stimmten freudig zu. So wurden die Kinder aneinander gefesselt, jedem noch verschimmeltes Brot zugesteckt als Strafe und vor die Palisaden geschickt, hernach das Tor abgeschlossen. Nannte man Verbannung, schade, dass es das heute nicht mehr gibt. Sehr effektive Methode, um sich unliebsamer Menschen zu entledigen, ohne großartig Kraft für Gewalt zu verschwenden und hinterher das Blut wegwischen zu müssen.

witch-294255_640So latschten die beiden Geschwister, das waren sie nämlich, männlicherweise und fraulichernase (daher kommt der begriff Naseweis), durch die Botanik, sprich dem angrenzenden Wald, bis sie zu jener besagten Hütte kamen. Die alte Schachtel, ähm, Frau, hatte draußen an der Hütte Wildäpfel aufgehängt zum trocknen. Dafür war sie schließlich tagelange durch die Wälder gestapft und hatte diese mühsam gesammelt für den Winter. Und außerdem sollten sie Ratten anlocken für den Fleischbedarf. Und die Plagen, ähm, Blagen, quatsch, natürlich die beiden frechen Gören hatten nichts anderes zu tun, als diese der armen alten Frau weg zu futtern. Diese, durch die entstehenden Schmatz-Geräusche aufgeschreckt rief natürlich „Wer da? Wer klaut meine Früchtchen?“, doch die Gören waren sich natürlich keiner Schuld bewusst und schoben alles alles auf das Wetter (macht man übrigens heute noch). Die Alte war aber nicht ganz so dämlich, wie die Blagen, Pl… ach ihr wisst schon, sich so dachten und erwischte beide natürlich auf frischer Tat. Sie stellte sie zur Rede, was das sollte und das man Gastfreundschaft nicht mit Diebstahl verwechseln sollte, doch die Biester in ihrem Übermut, ach was, in ihrer Bösartigkeit wollten davon natürlich nichts wissen und drängten die alte, arme Frau in ihr Haus, um sie auszurauben. Wozu der Hunger die Leute auch immer treibt … Völlig erzürnt, dass bei der Alten nichts abzugreifen war, schubsten sie diese durch die Wohnung bis in den Ofen hinein. Und rannten in das nächste Dorf, wo sie ihre Geschichte von der alten Hexe zum Besten gaben, um ihre Tat zu verschleiern, ordentlich bemitleidet und dadurch als arme, unschuldige Kinder verhätschelt zu werden. Tage später kam dann noch der Reisende dazu, der die Geschichte natürlich hörte, weil sie zum Tages-, ach was, Jahresklatsch der Gemeinde geworden ist und verkaufte sie später für ein Fässchen Schwarzgebrannten, natürlich schön ausgeschmückt und aufgebauscht, an die Gebrüder Grimm …

Und die Moral von der Geschicht? Undank ist der Welten Lohn, gibst du das, was du kaum noch hast, her – rächt man sich in übler Nachrede.

 
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2 Responses to Hänsel und Gretel – was wirklich geschah

  1. Pingback:Suum cuique | Tagebuch online

  2. Eine sehr nette Interpretation der Geschichte. Ich selbst finde ja die Mär einer Geschichte viel interessanter, als das was uns heutzutage als Kindermärchen verkauft wird…

    Liegt aber wohl auch in meiner Natur 😀