Religion und Glauben – Teil I.

Egoismus pur: Wenn Gott in allem steckt, in jedem Lebenwesen und in jedem Ding, ist dann nicht ein Zwiegespräch mit Gott einfach nur ein Selbstgespräch? Schlimmer noch, wenn Gott angebetet wird, betet man sich dann nicht selbst an? Abgründe über Glauben und Religion:

Wer einen Gott für die Dinge auf der Welt verantwortlich macht, möchte sich damit seiner persönlichen Verantwortung entziehen. Ein kleiner Exkurs zum Thema Religion und Glauben. Es sind persönliche Thesen und kein allgemeingültiger Almanach, noch die ultimative Weisheit per Löffeln gefressen. Gern zur Diskussion freigegeben auf zwischenmenschlicher Ebene.

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Gott sieht alles. Ein netter Satz zur Erziehung rebellierender Kinder. Mehr nicht. Damit soll jedem vor die Augen geführt werden, dass ein Gott jede Tat sieht und irgendwann einmal, bei der Abrechnung vor dem Himmelstor, über den Verbleib der Seele Gericht hält. Wäre es nicht vielsagender zu erwähnen, dass jede Tat ihre Konsequenzen direkt nach sich zieht? Und zwar mittelbar und unmittelbar und nicht erst beim Tag des Jüngsten Gerichts. Oder um es vereinfacht auszudrücken: Ein Gläubiger macht einen Gott für alles verantwortlich, um sich nicht selbst für seine Taten rechtfertigen zu müssen. Aber dafür gibt es doch die Beichte, mag manch einer an dieser Stelle sagen. Wohl wahr. Doch vor wem rechtfertigt man sich bei der Beichte und wozu? Im Endeffekt nach der christlichen Auffassung vor Gott zur Freisprechung der Sünden. 3 Vaterunser und alles ist vergeben. Wenn doch alles im Leben so einfach wäre. Das mag unter anderem dazu dienen, nach einer Tat völlig reinen Gewissens die nächste zu begehen. »Gott, es tut mir leid, aber ich habe dem Nachbarn seine Frau verführt. Und es war toll. Und ja, ich bereue es zutiefst.« Drei Vaterunser später ist alles vergessen und die Frau des anderen Nachbarn dran. Und vor dem Tag der Abrechnung braucht man sich dann auch nicht mehr zu fürchten, weil – es ist ja schon vergeben. Sofern gebeichtet. Dafür gibt es die theoretische Frage: Wenn Gott alles sieht, wozu erst beichten? Bei dieser Frage stand einem Pastor bereits der Mund offen, händeringend nach der Antwort suchend. Nicht jeder Pastor ist so rhetorisch geschult und sattelfest im Glauben, um sofort darauf reagieren zu können. Die Antwort, dass es bei der Beichte um die Reue geht. Doch Reue kann man auch zeigen, ohne zu beichten. Durch eine ehrliche Entschuldigung zum Beispiel.

Eine Religion dient gern zur Rechtfertigung. Was es nicht im Namen des Gottes, der Götter schon alles gab. Man könnte jetzt die übliche Beweisführung starten mit den Hexenprozessen, Glaubenskriegen – egal von welcher Seite. Doch das ist längst nicht alles. Tagtäglich wird ein Gott, werden Götter, je nachdem von welcher Religion betrachtet, für die eine oder andere Sache zur Rechtfertigung herangezogen. Selbst Merkel faselt schon in einer offiziellen Verlautbarung vom Willen der Götter. Mea Culpa, des einen Gottes natürlich. Doch ist es nicht so, dass auf jede Aktion eine Reaktion folgt? Dass man eine Reaktion nicht immer vorhersagen kann und andere dafür schon? Einen Gott für die Tat von Menschen als Schuldigen heranzuziehen ist erbärmlich für denjenigen, der die Religion dafür bemüht und sich weigert, persönlich die Konsequenzen zu tragen.

beetle-fog-74054_1280Die Natur, das Leben, hat uns das Ding im Schädel nicht gegeben um zu glauben, sondern um zu wissen. Trotzdem glauben wir an etwas. Wir brauchen keine Religion, um zu glauben. Glauben sie an Gott? Im Film „Contact“ wird diese Frage zur wichtigsten Entscheidung stilisiert. Mit welchem Recht? »Sind sie ein spiritueller Mensch?« gleichzusetzen mit der Frage, ob man an Gott glaube ist der Gipfel der Dreistigkeit einer Religion, die verspielt hat. Religion ist doch im Grunde nur eine Metapher, die jeder für sich auslegen kann, wie es gerade gebraucht wird. Religion vereinfacht die Sicht der Dinge durch die schlichte Eingrenzung in Gut und Böse. Doch das Leben ist viel verzwickter als nur die einfache Auslegung in 2 gegensätzliche Pole. Das Leben ist Chaos und Ordnung, ist Kontinuität und Spontanität. Das Leben braucht immer beide Seiten der Medaille. Ohne Licht gibt es keinen Schatten. Doch wo Licht ist, muss es auch immer Schatten geben. Ohne Anti-Materie keine Materie. Ohne Tod kein Leben. Und ohne Leben keinen Tod. Religion engt ein.

Andererseits sei noch erwähnt, wer nicht dem allgemeinen Glauben an Wissenschaft und vorherrschender Meinung anhängt, wird schnell als ungläubig und unglaubwürdig hingestellt. Auch der Glaube an die generelle Offenkundigkeit kann man getrost als Religion ansehen. Eine Religion, die noch barbarischer ausgeübt wird als die der anderen Großen.

»Man muss erst einmal das Unmögliche abgrenzen. In dem, was dann noch da ist und sei es auch noch so unwahrscheinlich, muss die Wahrheit stecken.« (Filmzitat, Captain Spock)

Doch das, was unmöglich scheint, kann durchaus auch möglich werden. Vor nicht allzu langer Zeit wurden die Leute für geistig labil erklärt, die behaupteten, der Mensch würde eines Tages fliegen können. Auch und gerade von der Religion. Und heute? Heute ist es das normalste der Welt, sich in den Flieger zu setzen und ruckzuck die Erde zu umkreisen. Religion kann durchaus den Fortschritt behindern. Was wäre gewesen, hätte sich die Kirche nicht gegen das kopernikanische Weltbild gestellt? Gegen die Wissenschaft an sich? Würden wir dann heute schon die fliegenden Autos haben? Wohl kaum. Die Kirche hat sich dagegen gesperrt, weil die Menschheit dafür einfach nicht bereit war. Doch wer erlaubt einer Institution von Menschen Hand über das Schicksal der Menschen zu entscheiden, über den Fortschritt? Fortschritt ist eine Sache des Glaubens, Wissenschaft eingeschlossen. Man muss glauben können, dass eine Sache in der Praxis funktioniert, wie es vorher theoretisch durchdacht wurde.

Der Mensch braucht den Glauben, um sich mental an etwas klammern zu können. Das war schon immer so. Doch ist es manchmal sehr verstörend, zu welchen Auswüchsen sich der Glauben an eine Sache, übernatürlich oder nicht, entwickeln kann. Die Religion braucht einen gläubigen Menschen, eine folgsame Herde. Aber der Mensch braucht keine Religion, um zu glauben. Das ist ein eklatanter Unterschied.

Eine Religion besteht aus eingepferchten Gläubigen, damit diese nicht glauben, was sie wollen.

 
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One Response to Religion und Glauben – Teil I.

  1. Schakal says:

    Eines meiner Lieblingsthemen, über die ich mich ständig aufregen könnte. Was im Namen der Religion so angestellt wird, ist größtenteils einfach nur widerlich. Ein weiterer Punkt, den ich kritisch sehe ist der Religionsunterricht. Meiner Meinung nach sollten Kinder nicht ab der 1. Klasse – wo sie noch alles brav glauben, was der Lehrer da erzählt – mit religiösem Mist indoktriniert werden. Ich wäre eher für „Werte und Normen“ – denn diese bekommt der Nachwuchs augenscheinlich immer weniger durch die Eltern vermittelt.