Anti-Helden und Mauerblümchen

Ein Streifzug durch die Bücherwelt, ein Streifzug durch die virtuelle Realität der Spiele und durch das bildgewordene Erlebnis in den Filmen – und überall schauen sie hervor, kommen aus ihren Löchern gekrochen – die Anti-Helden, die sich auf wundersame Weise zum Helden wandeln.

Fast jeder Autor benutzt sie, diese Figuren, überall und stetig sind sie präsent. Helden, die keine sein wollten, die niemals von jemanden wahrgenommen wurden, schon gar nicht in der positiven Art und plötzlich stehen sie im Rampenlicht und begeistern die Menschen? Klar, die Erklärung ist einfach: das stilistische Mittel, dass jedes unbeschriebene Blatt sich zum Helden wandeln kann und aus einer Rotzgöre plötzlich und auf wundersame Weise der Held der Nation wird. Auch du, und du und dann auch der Räuber, der Mörder, der Idiot. Jeder, aber auch wirklich jeder kann ein Held sein. Verdammte Scheisse, jeder ist ein Held und hat doch schon irrwitzige Aufgaben zu meistern. Der Alltag kann grausam sein. Der Alltag ist grausam.

In Büchern und Filmen braucht man dazu aber das einschneidende Erlebnis, den Auslöser par excellence. Sei es der Biss einer Spinne, oder ein Unglück in der Familie, ja selbst der eigene Tod machen aus jedem Deppen einen Helden und sagen uns, dass auch der blutrünstige Schläger ein weiches Herz hat. Ach, schöne Schein-Wirklichkeit. Mörder bleibt Mörder, Räuber bleibt Räuber und ein Mauerblümchen wird nie zu einer stattlichen Rose werden. Wunschträume der Autoren und Regisseure. Und dank steter Berieselung damit auch jedes Konsumenten der literarischen und filmischen Ergüsse.

Nein, kein Neid. Nur purer Realismus. Und das stets beobachtete und stets wiederkehrende Schema der Verwandlung von handelnden Figuren zum Helden. Lasst doch einmal bitte den Nichtsnutz auch nur einen Nichtsnutz sein und den wirklichen Helden nicht zum Bösewicht mutieren, das wäre tatsächlich mal was Neues, eine Abweichung. Oder muss ich das erst machen? Der einzige Held, dem ich in der Phantasie seine Rolle wirklich so zugestehe, wie sie ihm gebührt ist Superman. Der hat sein Heldendasein durch Geburtsrecht erwirkt. Obwohl …

Jetzt weiß ich ich endlich auch, was mich in der letzten Zeit in Filmen und Büchern immer wieder gestört hat: das gleiche Schema der Helden. Nichtsnutz + inszenierter Zufall = Held. Immer und immer wieder. Wenn es das ist, was der Großteil der Leser wünscht? Ohje, es wird eintönig. Doch alles andere wird/ist für die Massen wohl zu anstrengend. Oder?

 
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2 Responses to Anti-Helden und Mauerblümchen

  1. Max says:

    Mich interessieren nur Geschichten, in denen widersprüchliche Charaktere dargestellt sind. Realistisch gezeichnet, hintersinnig, in allen Graustufen, so wie Menschen meist auch sind.
    Handelnde, die sich nicht in das starre Schema HeldBösewicht einordnen lassen oder die irgendwo in der Mitte stehen, schwanken, an sich zweifeln? Weiß nicht, wie ich es besser ausdrücken kann. Oder um bei deinem Beispiel zu bleiben: Der Nichtsnutz bleibt ein Nichtsnutz, aber mutiert im Kopf des Lesers/Zuschauers zu einem sympathischen oder liebenswürdigen Nichtsnutz. Oder auch nicht, je nach (subjektiver) Sichtweise. Und der böse Straftäter bleibt ein Straftäter, aber, um es vorsichtig ausdrücken, der Leser versteht seine Motive besser, oder glaubt, sie zu verstehen, zweifelt vielleicht, denkt drüber nach, warum der Autor seinen Kreaturen dies oder jenes in den Mund gelegt hat. Das sind so eher die Geschichten, die ich mag.