Nennt mich Grinch – ein Weihnachtsmärchen

Vorwort

Jeder kennt sie. Die weihnachtliche Geschichte mit und um den Grinch, der Weihnachten hasst aus Gründen der Einsamkeit, missverstanden und wegen seines Äußeren verlacht und gemieden. Geschrieben von Dr. Seuss und cinemaographisch umgesetzt geht uns diese Geschichte jedes Jahr mehr oder weniger auf den Wecker, wenn die Zeit der Glotze im familären Zusammensein angebrochen ist. Statt Bücher und Gespräche – der Film über den Grinch in der Glotze. In jedem von uns steckt mehr Grinch als mancheiner zugeben mag. Hier nun eine andere Geschichte, zum lesen und als Vorlage für das eigene Kopfkino.

Es war einmal, es war einmal eine Welt. Sie ist es noch. Und diese Welt steht Kopf. Kriege, Konflikte und der Zusammenprall der Religionen. Menschen sterben und werden geboren. In jedem Fall haben Menschen ihre Hände im Spiel. Es ist eine verrückte Zeit. Die Zeit des Konsums, um seinen Lieben Geschenke zu suchen und zu erwerben. Der Streß, der dabei von den Menschen aufgebaut wird toppt das ganze Jahr. Der Braten muss besorgt werden, das Geschenk für die Tante fehlt, ist das für die Oma nicht zu üppig? Schließlich weiss man ja nicht, ob sie es nich lange macht. Immer schön kurzfristig denken, wer weiß, wie das Morgen aussieht.

Die Kinder hängen nun auch lieber mit ihren Freunden ab und spielen Krieg und Cyberwar, das, was die Erwachsenen so gut beherrschen, in nahezu perfekter Perfektion. Früher hatten sie noch ihren Spaß bei der alten Zeremonie des Kekse backen, heute werden die Kekse gekauft. Keine Zeit, keine Zeit. Es fehlen doch noch so viele Geschenke! Und der Termin von Heiligabend rückt unaufhaltsam näher. Und dann kommt noch die Firma dazwischen mit der obligatorischen Weihnachtsfeier, die mittlerweile im abgespecktem Rahmen gehalten wird, es fehlen Umsätze, Mitarbeiter und Motivation. Aber die Teilnahme ist Pflicht. Der Wahnsinn hat um sich gegriffen und hält die letzten Verteidiger des Festes der Feste fest im Griff. Und mittendrin? Ich, der mit diesem Fest nichts zu tun haben will und sich mit der Person des Grinch im Fernsehen identifiziert. Bis auf eine Ausnahme: ich sabotiere das Fest nicht, ich schaue nur zu, wie es die Menschen selbst tun. Ich schnappe mir an diesen Tagen öfter ein Buch, widme mich still und leise, zurückgezogen von dem Wahnsinn da draußen, den Geschichten und der Geschichte. Weihnachtsstimmung? Kenne ich nicht. Kerzen? Brennen sowieso das ganze Jahr bei mir. Glühwein? Wenn es denn unbedingt sein muss, aber mehr als nur widerwillig. Außerdem ist das entweder auf den Weihnachtsmärkten oder im Handel angebotene Zeug einfach nur, naja, bähh. Der Magen dankt es mit Sodbrennen, der Kopf mit einem ausgewachsenen Kater.

grinch-1038238_1280Interessiert latsche ich wie immer durch die Stadt und begucke mir die Leute, die bei dem einen oder anderen Blumenladen sich Tannengrün kaufen, das in wilder Orgie von Waldmännern im Wald von den Bäumen geschlagen wurde. So zumindest läuft natürlich der Film im Kopf ab, auch wenn mir die Realität schon bewußt ist, mit den Baumschulen. Ich bin ja schon heilfroh, dass eine einsame Pflanze mehr als fünf Jahre bei mir überlebt hat. Und die Linde, die im Balkonkasten wächst. Liebevoll betrachte ich diese oft und gerne und stelle mir dabei vor, eines der drei angeblich so wichtigen Ziele im Leben eines Mannes verwirklicht zu haben: Baum pflanzen, fortpflanzen und Haus bauen. Zählen Luftschlösser auch? Schade. Warum mehr grün in die Wohnung holen, in meine grinchige Höhle, die seit Jahren keine Weihnachtsdeko gesehen hat? Grün ist nun wirklich nicht meine Farbe, ich sehe nicht grün aus und werde es auch nicht, wenn ich den Reichtum anderer sehe. Ich sehe lieber schwarz, als Farbe und in die Zukunft. Das kann ich gut, dabei bleibe ich.

Trotzdem hab ich an dem sogenannten Heiligabend einen Grund zur Freude. Die ganze verfluchte Vorweihnachtszeit bin ich verschont geblieben von der üblichen Schnulze, die sonst alltäglich an allen möglichen und unmöglichen Orten hoch und runter geduddelt wird: Last Christmas. Ich hab’s geschafft, nicht ein einziges Mal. Jetzt kann mir nicht mehr viel passieren in der Richtung. Zufrieden sitze ich zu Hause, zocke gewalttätige Spiele und freue mich über das neue Katzenspielzeug, dass mir eine nette Frau geschenkt hat. Die Funktion war zwar nicht als Spielzeug gedacht, aber ich hab einfach keine andere Verwendung dafür. Nein, für meine Mietz ist mir kein Geschenk zu blöd, die Kugel für Bäume, die rollt so schön über den Fußboden, glitzert dabei und Katze hat ihren Spaß. Noch. Knacks macht’s, kaputt isses. Tolles Ding. Noch ein Grund zur Freude, ich habe den letzten Rest der Feiertage in meinem Heim zerstört. War ganz einfach, Fuß drauf – fertig. Splitter entsorgen, damit die Katze sich nicht verletzt und Schluss mit lustig. Um der feiertäglichen Telefonorgie familiärer Natur zuvor zu kommen, am Vorabend den obligatorischen Anruf tätigen, damit über die ganzen Feiertage Ruhe ist. Ich habe das Anti-Weihnachtsfest zur Vollendung gebracht. Stolzer kann ich nicht auf mich sein.

 
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2 Responses to Nennt mich Grinch – ein Weihnachtsmärchen

  1. Das hast du sehr schön gemacht. Da sieht man den Vorteil einer eigenen Wohnung… man muss eben kein Weihnachten feiern.

    Und auch wenn ich mit der Aussage jetzt vielleicht meine Familie verletze, so bin ich doch richtig glücklich dieses Jahr und heute, denn mein Zimmer ist von Weihnachtsdeko verschohnt geblieben und nun hocke ich bei meinem Hamster und wir schauen uns in einer „frisch eingezogen“ Atmosphäre gegenseitig beim zocken zu… so kanns von mir aus immer sein 🙂

     
  2. Adelhaid says:

    Das ist ja ganz viele (y) wert. Feliz Navidad heißt es heute, und morgen schon dies natalis solis invicti…