Kurzgeschichte: Auf Wanderschaft

Die Welt ist verrückt, sie steht Kopf. Wirklich, ich kann es kaum glauben. Ist alles irgendwie total verkehrt. Nein, nicht verdreht oder spiegelverkehrt. Ich suche nach dem bestimmten Wort und nach ein paar Augenblicken fällt es mir ein, das passende Wort.

Invers. Hell zu dunkel, dunkel zu Hell. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte, aber in meinem Zustand nehme ich es einfach als gegeben hin. Zustand? Mir ist im Moment irgendwie alles scheißegal. Getrunken, betrunken? Nein, ich kann gerade aus laufen, ich kann Haken schlagen, ich kann auch gerade rückwärts gehen. Sogar viel besser als sonst. Ich würde mich wundern, doch es ist mir egal. Einfach hinnehmen, ohne Fragen. Ich fange an zu rennen und nun wundere ich mich doch. Früher bin ich doch so schnell aus der Puste gekommen und nun? Ich laufe und laufe, Meter für Meter der inversen Landschaft zieht an mir vorbei. Ich laufe einfach weiter und bewundere die verkehrten Lichtverhältnisse. Es ist einfach angenehm, die Welt in einem anderen Licht zu sehen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Alles sieht aus wie durch eine Röntgenbrille betrachtet. Dunkle Flecken an hellen Schemen huschen an mir vorbei und mir kommt die Erkenntnis, dass es sich dabei um Autos handelt. Ich stehe an einer Straße. Nein, nicht an einer, mitten auf der Straße. Doch wo ich normalerweise Panik schieben würde, ist es mir im Moment egal. Egal ist so ein leichtes Wort, so unbeschwert. Als mich zwei der dunklen Flecken an einem hellen Schemen genannt Auto streifen, will ich noch zurück zucken, erwarte den Schmerz, die Angst. Ein Unfall und ich bekomme meinen gewünschten Urlaub. Doch nichts passiert. Kein Schmerz, kein Unfall – nichts. Das Auto ist durch mich hindurch gefahren! Wie geht das? Bin ich tot? Doch wenn, dann wäre es jetzt auch egal. Ich finde mich damit ab, ein Toter zu sein, ein Geist, der durch eine inverse Landschaft wandert, stetig und ruhelos. Was habe ich immer gesagt? Ich komme wieder…

Wenn ich tot bin und ein Geist, mich Autos anfahren ohne das etwas passiert, dann müsste ich ja auch logischerweise durch Wände gehen können. Ich könnte mir die ganze Welt ansehen, vielleicht sogar die Sterne ansehen und zwar aus nächster Nähe. Ob NASA und Astronomen mit ihren Deutungen und Berechnungen Recht haben. Nein, wozu erst die Welt. Doch für das Universum muss ich fliegen. Ich probiere zu fliegen. Doch die Schwerkraft gilt anscheinend auch für Geister wie mich. Ich kann in die Luft springen wie ich will, und doch lande ich immer wieder auf der Erde. Verdammt. Ich müsste mich jetzt aufregen, doch … Nein. Fange ich erst einmal langsam an. Die Stadt, in der ich mich befinde. Es ist gar nicht so leicht, sich zu orientieren, wenn die Lichtverhältnisse umgedreht sind. Ist es jetzt eigentlich Tag oder Nacht? Dunkle Leuchten an hellen Autos, ein heller, ich nenne es spaßeshalber Himmel – es ist Nacht. Soweit, so gut.

Ich versuche mich zu erinnern, wo ich mich befinde, doch es will mir nicht einfallen. Ich Tolpatsch aber auch. Geister haben keine Synapsen und damit auch keine Erinnerung. Obwohl, Moment mal. Wieso kann ich mich an alles erinnern, nur nicht daran, wo ich mich befinde? Und so ganz nebenbei bemerke ich auch, dass es totenstill um mich herum ist. Kein Geräuschli dringt an mein vorhandenes und doch nicht vorhandenes Ohr, nicht ein Laut. Verflixt, darüber könnte ich mich jetzt wirklich aufregen, absolute Stille war noch nie meines gewesen, ich brauchte immer eine Geräuschkulisse, ein wenig Musik, ein paar Geräusche. Ich würde mich fast wohlfühlen, wenn nicht diese Stille wäre. Obwohl – es ist mir egal. Gute Einstellung. So durchfährt es meine nicht vorhandenen Synapsen. Ich beschließe für mich, erst einmal festzustellen, wo ich mich befinde. Ein Mensch, auch wenn er nur mehr ein Geist ist, braucht eine Orientierung, einen Anhaltspunkt. Unwissenheit ist unerträglich. Menschen sind neugierig, also dann als Geister sicherlich auch. In dem Moment bin ich mir aber auch sicher, dass ich mir für mich gar nichts mehr sicher ist. Wie lange dieser Zustand anhält, warum, weshalb und wieso. Wer wann wo .. Alle Fragen sind unwichtig. Nö, doch nicht. Ich will trotzdem wissen, wo ich bin. Also weiter laufen. Laufen kann ich jetzt viel, ohne die Hemmnisse einer ordentlichen Raucherlunge. Ohne die Hemmnisse ermüdender Beine. Irgendetwas Gutes muss ja so ein Leben als Geist haben.

Ich laufe weiter und mache mir einen Spaß daraus, jedes, aber auch wirklich jedes mögliche und erreichbare Auto mitzunehmen. Wusch – schon wieder ist eines durch mich hindurch gefahren. Tolle Sache. Wenn die Fahrer wüssten, was sie nicht wissen. Links von mir …. Ist das eigentlich links, wenn das Licht invertiert ist? Ich gehe jetzt mal spontan davon aus, muss ja nicht alles verkehrt sein. also, links von mir, diese sich bewegende Fläche. Ich tippe mal auf Wasser. Bestimmt, dass muss Wasser sein. Ich könnte jetzt mal was versuchen. Zum Beispiel, ob ich Jesus seine ‚wunder, zumindest eines davon, nachahmen könnte. Wasserwandeln als Geist. Ist zwar nicht so doll, wenn es keiner sieht und mich bewundern kann – aber egal. Ich wollte eh noch nie so wirklich bewundert werden. Aber probieren kann ich es ja mal. Ich laufe auf die Fläche zu und – pralle zurück. Na super. Noch einmal mit Anlauf und wieder nichts. Ok, es gibt also Nachteile so als Geist. Irgendeinen verdammten Haken muss es ja geben. Es gibt immer einen Haken.

So stehe ich vor dem schwach leuchtenden, sich bewegenden Wasser und schaue den dunklen Schaumkronen auf hellem Untergrund zu, wie sie sich gegen die Mauern werfen, auf denen ich stehe. Das bringt mich zwar einen Schritt weiter, ich weiß nämlich, dass ich irgendwo am Wasser bin, mehr aber auch nicht. Den Kopf zu drehen, um mich zu orientieren, dass ist die eine Sache. Das Schemen, was ich als entferntes Dach einer mir bekannten Formation zu erkennen mag, die andere und die Erkenntnis, das es sich um das Opernhaus von Syd…. Verdammt, was ist das jetzt schon wieder? Ein Sog erfasst mich, in der Ferne höre ich ein leises Schnurren, das immer mehr auf mich zukommt, je mehr mich der Sog wegzieht. Es wird alles dunkel. Dunkel ist das letzte Wort, an das ich noch denken kann…

* * * * *

Irgendwo in einer beschaulichen Hafenstadt erwacht ein Mensch in seinem Bett (der super schlaue und allwissende Erzähler will ja auch mal etwas zu tun haben), während eine Katze wohlig diesem an der Nase leckt. Der Mensch ist wach und die Katze guckt ihn wissend an, doch in seinem Unmut, geweckt worden zu sein, verscheucht er sie. Dreht sich noch einmal um, um weiter zu schlafen. Die Katze zieht beleidigt ab und rollt sich in einer Kuhle am Fußende wieder ein. Immer noch mit einem Blick auf den Menschen, bei dem sie lebt.

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Katzen haben etwas mystisches an sich, die Verbindung von der Schattenwelt zur normalen Welt wird ihnen nachgesagt. So holen sie ihren Dosenöffner gern auch aus dem tiefsten Schlaf, wenn sich die Seele zu weit von ihrem Körper entfernt. Bei all der Wissenschaft wissen die Menschen nicht wirklich, was während der Tiefschlafphase passiert. Und erinnern kann sich sowieso keiner daran.

 
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2 Responses to Kurzgeschichte: Auf Wanderschaft

  1. Cool! Sehr schön. Mir gefällt auch, dass das Traumbild wie ein Negativfilm beschrieben ist. Die Katze holt sich im Schlaf deine Seele und schickt sie auf Wanderschaft. 😉

     
  2. Wieder einmal ein sehr interessanter Einblick in deine Gedankenwelt 😀
    Bei mir endet so etwas meist mit roten Wänden und blutigen Regen …

    Liebst
    Justine